5 Fakten über 68 Jahre Eurovision: 51.354 Abstimmungen, klare Muster

May 4, 2026

Julia Gerstmayer

Was Datenanalyse über Europas größten Musikwettbewerb verrät

Scavenger AI hat 68 Jahre Eurovision Song Contest systematisch ausgewertet: 1.734 Teilnahmen, 54 Länder, 51.354 Abstimmungszeilen und 1.722 Songtexte wurden analysiert. Die Daten zeigen, welche Lyrics am besten ankommen, wer immer Recht mit den Voraussagen hat und ob Männer oder Frauen öfter gewinnen. 

  1. Die Fan Community hat immer recht

Zwischen 2016 und 2024 hat die MyESC Community (eine App in der Eurovision-Enthusiasten aus ganz Europa ihre Vorhersagen aggregieren) alle acht Sieger auf Rang 7 oder besser platziert. Der OGAE Fanclub-Vote dagegen überschätzte regelmäßig die falschen Kandidaten: Frankreich 2023 mit 302 Punkten landete auf Platz 16, Moldova 2017 wurde Dritter mit null Punkten. Insgesamt platzierte der Fanclub nur fünf der letzten acht Sieger in ihren Top 7. Es zeigt sich also auch hier, dass mehr Datensätze zu einem belastbaren Ergebnis führen, immerhin kommt das MyESC Scoreboard auf mehr als 10.000 User, während der OGAE knapp 900 Mitglieder hat. 

  1. Ab Startnummer 11 wird es interessant

Wer zuerst auftritt, verliert. In acht aufeinanderfolgenden Grand Finals (2016 - 2024) hat kein einziges Land gewonnen, das auf einer der ersten fünf Startpositionen stand. Mit einer durchschnittlichen Gesamtpunktzahl von 119 Punkten ist dieser Teil der Show das schwächste Segment überhaupt. Was danach kommt, ist überraschender: nicht das Ende der Show dominiert allein, sondern zwei spezifische Fenster. Slot 11 bis 15 und Slot 21 bis 26 produzieren zusammen sieben der acht Sieger — mit fast identischen Gesamt-Durchschnittswerten von 213 und 216 Punkten. Dazwischen liegt eine auffällige Delle: Slot 16 bis 20 fällt auf 175 Punkte zurück und hat keinen einzigen Sieg vorzuweisen. 

  1. Sprache als Strategie 

Als 1999 die Pflicht, in der eigenen Landessprache zu singen, aufgehoben wurde, stieg der Beitrag der englischsprachigen Songs sprunghaft von 10 Prozent auf knapp zwei Drittel aller Songs an. In den letzten Jahren lässt sich ein Gegentrend beobachten - und der Auslöser dafür war Portugal. Im Jahr 2017 holte der Portugiese Salvador Sobral mit dem Song „Amar Pelos Dois" 758 Punkte - und damit den ersten Sieg für Portugal nach 53 Jahren und die bis heute höchste Punktzahl, die beim ESC je erreicht wurde. Der Siegersong war pur, melancholisch und vor allem eins: auf Portugiesisch. Seitdem nimmt die Anzahl der Songs, die auf der Landessprache gesungen werden, kontinuierlich zu: Von 16 Prozent im Jahr davor (2016) auf 37,5 Prozent 2018 bis fast die Hälfte aller Songs des Jahres 2024 nicht-englischsprachig waren. Und das zeigt sich auch in den Gewinnern: 4 von 8 Siegersongs zwischen 2016 und 2024 waren Songs in der jeweiligen Landessprache. 

  1. Niemand gewinnt mit “La La La” 

Wer gewinnen will, singt über die ewige Liebe - und auf gar keinen Fall “La La La”. Zumindest, wenn es nach der Statistik geht: Das Wort, das seit 1956 am häufigsten in Sieger-Songs vorkommt, ist “forever” (14,5 Prozent), während “La La La” in keinem einzigen vertreten ist - dafür aber in 6,9 Prozent aller letztplatzierten Songs. Die sind auch im Durschnitt negativer in ihren Lyrics, während knapp zwei Drittel (63,3 Prozent) aller Sieger-Songs einen positiven Unterton haben. Das meistgesungene Wort auf der ESC-Stage ist übrigens “Love”, das in 27,4 Prozent und damit in fast jedem dritten Song vorkommt. Paradoxerweise singt Europa trotzdem lieber über den Krieg als über die Liebe. Denn während “war” in 129 Songs (7,5 Prozent aller Songs) auftaucht, erwähnen nur 22 Songs (1,3 Prozent) “peace”. 

  1. Platzierungen: Solokünstler vor Solokünstlerinnen vor Gruppen 

Männer gewinnen öfter, aber nur wenig. Zwischen 2016 und 2024 gingen vier von acht Siegen an männliche Solokünstler, drei an Frauen, einer an eine gemischte Gruppe. Im Schnitt platzieren sich Männer auf Rang 12,6, Frauen auf 13,8, was ein Unterschied von gut einem Platz ist. Beide Gruppen haben in diesem Zeitraum exakt neun Top-5-Platzierungen erreicht.
Deutlicher ist der Unterschied zwischen Solo und Gruppe: Solo-Künstler:innen qualifizieren sich zu 66% für das Finale, Gruppen nur zu 60%. Während sechs von acht Siegen an Einzelpersonen gingen, schneiden gemischte Gruppen am schwächsten ab: niedrigste Punktzahl, schlechtester Durchschnitts-Platz, nur ein Sieg. Das Feld selbst ist beim Geschlecht mit 139 männlichen und 139 weiblichen Beiträgen perfekt ausgeglichen. Der Geschlechterunterschied existiert im Datensatz, aber er ist zu klein, um als Strategie zu taugen. Dass Solokünstler*innen jedoch besser abschneiden als gemischte Gruppen kann ein Entscheidungsgrund sein. 

Die Daten zeigen, was sich über Jahrzehnte wiederholt: Eine Solokünstlerin oder ein Solokünstler, Startnummer zwischen 11 und 15 oder 21 und 26, Song in der Muttersprache, Lyrics über Liebe. Rein statistisch wäre das also die stärkste Ausgangslage für einen Sieg beim ESC 2026. Doch beim ESC zählen nicht nur die Zahlen - am Ende entscheiden vor allem die drei Minuten auf der Bühne, die Musik und der Moment. 


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